Mehrheits- oder Verhältniswahl

Die Personenwahl ist ein Verfassungsgebot

Das Parlament hat in der Geschichte der Demokratie einen starken Bedeutungswandel erfah­ren. Die griechischen Demokratien waren Stadtstaaten. Es gab Athener und Spartaner, die olympischen Spiele, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Interessen, aber keinen grie­chischen Staat. Heute haben wir zwar ein europäisches Parlament, aber kein europäisches Volk, keine europäische Sprache und wie die Griechen auch keinen europäischen Staat. Die römische Republik, die das ursprüngliche Königtum ablöste,  nahm ihren Ausgang ebenfalls in der Kommunalpolitik der Stadt Rom, die sich erst später, schrittweise zu einer Weltstadt entwickelte. Das Wahlgebiet war damals noch überschaubar, das passive Wahlrecht oligarchisch, die zur Wahl stehenden Führungspersön­lichkeiten allgemein bekannt.

In Großbritannien wählten die Bürger ihre Volksvertreter in ihren heimischen Wahlkreisen aus und schickten sie in das Hous of Commons – das Haus des gemeinen Mannes – um den König zu überwachen und ihm bestimmte Rechte abzutrotzen. Das Unterhaus war in seinen Anfängen keineswegs ein Wahlorgan für die Konstituierung der Exekutive, verdrängte im Lauf der Geschichte aber das Königtum aus seine angestammten Rolle des Machthabers, um sie zunehmend in die Hand des „Premiers“ zu verlegen.

Republik mit einer Königin an der Spitze

Am Ende der Entwiclung stand das eigenwillige Staatsgebilde einer Republik mit einer Königin an der Spitze. Das Volks wählte die Volksvertreter weiterhin nach dem Heimatprinzip, und diese wählten den Mann bzw. die Frau an der Spitze des Staates, der seine Regierungserklärung von der Königin verlesen lässt. Im Lauf der Zeit sind also die Volksvertreter auch zu Wahlmännern und Wahlfrauen geworden. Diese Aufwertung des Mandats wertete auch die Rolle der Parteien auf, die es natürlich immer gab und auch immer geben wird. Doch der Staat ist kein Parteienstaat, und vor allem sind Wahlen keine Parteienwahl. Der Staat ist die Heimat des Volkes. Träger der Staatsgewalt ist das Volk. Es tut seinen Willen durch die Wahl der Volksvertreter kund. Wahlen sind also Volkswahlen.

Der Kern der repräsentativen Demokratie ist die Stufenwahl des Machthabers. Die Briten halten es noch heute für naheliegend und zweckmäßig, auf der ersten Stufe mit einfacher Mehrheit und auf der zweiten Stufe dann mit absoluter Mehrheit zu entscheiden. Würde man umgekehrt vorgehen, müsste man damit rechnen, dass in vielen Wahlkreisen die absolute Mehrheit ver­fehlt wird und schon auf der Eingangsstufe weitere Wahlgänge notwendig werden, um zu einer Entscheidung zu kommen. Denn je höher das Quorum um so schwieriger die gemeinschaftliche Willensbildung.

Nach der klassischen Direktwahl mit einfacher Mehrheit – kurz „Mehrheitswahl“ – fällt daher die Entscheidung erfahrungsgemäß schon auf der Grundstufe der Wahl. Die Wahlen sind in aller Regel Volksentscheidungen. Es gibt aber auch Ab­weichungen, vor allem, wenn das Wahlvolk keine geschlossene Einheit bildet, sondern aus religiösen oder regionalen Blöcken besteht ist, die sich als Dritte Kraft etablieren: Christen oder Muslime, Basken, Schotten, oder Bayern etc. Das sog. romanische Wahlrecht mit abso­luter Mehrheit auf der Grundstufe und anschließender Stichwahl ist kein Patentrezept. Denn die Stichwahl ist in ihrem Kern eine rabiate Einschränkung des passiven Wahlrechts, die dazu missbraucht werden kann und immer wieder auch missbraucht wird, die stärkste politische Kraft gemeinschaftlich von der politischen Macht fern zu halten. (Koalition der Wahlverlierer)

Obwohl das sog. K.O.-System bei Fußballmeisterschaften üblich ist, trifft es bei politischen Entscheidungen auf wenig Gegenliebe. Deshalb herrscht auf dem europäischen Kontinent ein anderes Wahlvesrfahren vor, die sog. Verhältniswahl. Dabei rückt die Parteienwahl an die Stelle der Personenwahl. Die Wähler bestimmen durch Abstimmung lediglich die Quoten, mit denen die Parteien in das Parlament einziehen. Alle Parteien sind gleich und ziehen im Verhältnis der erlangten Stimmen in das Parlament ein. Doch ohne drastische Eingriffe in die Relationen zwischen den Parteien, also ohne wirksame Sperrklausel funktioniert das nicht.

Die Personenwahl ist ein Verfassungsgebot

Dadurch, dass die Wähler auf dem Stimmzettel keine Person, sondern ein Partei kennzeichnen, werden sie entmündigt. Die Abgeordneten sind keine unmittelbar gewählten Volksvertreter mehr, sondern mittelbar gewählte Parteienvertreter. Und einige der gewählten Volksvertreter werden wegen der Sperrklausel erst gar nicht in das Parlament hereingelassen. Außerdem ist die – deshalb fälschlich – so genannte Verhältniswahl kein Koalitionen vermeidendes, sondern ein Koalitionen förderndes Wahlsystem. Die Wähler geben ihre Stimme ab, und was bei den Koalitionsverhandlungen herauskommt, liegt nicht mehr ihn ihrer Hand. Auch haben die kleinen Koalitionspartner – wenn es überhaupt zu einer Koalition kommt – eine undemokratisch wirkende Sperrminorität unter ihrem Schild, die zur Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner oder sogar zum völligen politischen Stillstand führt.

Trotz allem gilt die Verhälntniswahl – sogar mit Sperrklausel – gegenüber der sog. „Mehrheitswahl“ ohne Sperrklausel auf dem europäischen Kontinent als das bei Weitem gerechtere Wahlverfahren. Das trifft nicht zu, doch wenn man das alles so haben will, darf man nicht etwas völlig anderes in die Verfassungen schreiben. Dann muss man schon zur Parteienwahl stehen und im Grundgesetz den Satz niederlegen: „Die Parteien werden (…) gewählt.“ Das ist aber nicht cder Wortlaut. Dort heißt es vielmehr: „Die Abgeordneten werden (…) gewählt“. – Die Personenwahl ist ein Verfassungsgebot!

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Lammert: Ausgleichsmandate deckeln

Auf ein Wort Herr Präsident

Im Juli 2016 machten Schlagzeilen die Runde, Bundestagspräsident Norbert Lammert, MdB, wolle eine Obergrenze für die Zahl der Abgeordneten im Deutschen Bundestag einführen, genauer gesagt, die Ausgleichsmandate deckeln. 630 Mitglieder des Bundestags seien genug. Die meisten Fraktionen stimmten dem mit „Krokodilstränen“ zu, wollten aber nicht aktiv werden und keine entsprechende Gesetzesänderung beantragen. Andere Fraktionen lehnten den Vorschlag mit der bizarren Begründung ab, ein solches Vorhaben würde die großen Par­teien begünstigen. Wie auch immer, landete der Vorschlag sehr schnell in der Versenkung. Und inzwischen redet niemand mehr darüber.

Nimmt man die Ideen von Lammert mit wissenschaftlicher Akribie unter die Lupe, dann zeigt sich rasch wie untauglich sie sind. Denn es ist ja nicht zu übersehen, dass es 2013 vier sog. „Überhänge“ gegeben hat. Alle bei Landesverbänden der CDU, und zwar je eines in Thürin­gen, in Sachsen-Anhalt, in Brandenburg und im Saarland. Völlig überrascht war die Öffent­lichkeit von der amtlichen Mitteilung des Wahlleiters, dass die vier Überhänge nicht durch vier, sondern durch 29 Ausgleichsmandate „egalisiert“ worden seien. Der Ausgleich über­steigt den Überhang also um mehr als das Siebenfache. Es sind daher nicht 598 reguläre Ab­geordnete, plus vier mit „Überhangmandat“, plus vier mit Ausgleichsmandat in das Parlament eingezogen. Es gibt vielmehr 631 Volksvertreter, die im Deutschen Bundestag Sitz und Stim­me haben.

Warum denn in der Ferne schweifen …

Daher liegt die Frage auf der Hand: „Warum denn in der Ferne schweifen …“.  Wären die vier „Überhänge“ durch 4 Ausgleichsmandate kompensiert worden, wie das im Grundsatz schon bei den meisten Landtagswahlen so gehandhabt wird, hätte Lam­mert seinen Reformvorschlag gar nicht aus der Schublade ziehen müssen. Dann säßen im Berliner Parlament nicht 631, sondern nur 606 Abgeordnete. Der Bundestag wäre also viel kleiner als sich Lammert das gewünscht hat, und würde auch der gesetzlichen Sollzahl von 598 Mitglie­dern sehr viel näher kommen, die ja der Fünf-Prozent-Sperrklausel zugrundegelegt wird.  Und nebenbei gesagt: Würde man die 29 nachgeschobenen Ausgleichsmandate auf alle Parteien gerecht verteilen, die zur Wahl standen, wäre die FDP, der ja nur zwei Mandate gefehlt haben, vielleicht doch noch in das Parlament eingezogen.

Doch es kommt noch etwas hinzu: Vor einem knappen Jahr ist Katherina Reiche (CDU) aus dem Bundestag ausgeschieden. Das genaue Datum war der 4. September 2015. Der Amts­verzicht ist formpflichtig (Schriftform) und gegenüber dem Bundestagspräsidenten zu er­klären. Wird die Verzichtsurkunde bei einem Notar errichtet, ist der Bundestagspräsident davon zu unterrichten. Der Mandatsverzicht von Katherina Reiche hat aber eine Besonderheit. Sie ist in dem Wahlkreis Nr. 061 (Potsdam / Potsdam-Mittelmark II /Teltow-Fläming) ge­wählt worden. Und dieser Wahlkreis liegt in Brandenburg.

Nach herrschender Praxis wird der vakante Sitz eines direkt gewählten Abgeordneten aber nicht durch Nachwahl neu besetzt, wie das überall auf der Welt geschieht, sondern durch einen Nachrücker aus der Landesliste, der noch nicht zum Zuge gekommen ist. Es wird also ein Direktmandat durch einen Listenplatz ausgetauscht. Aber soweit kam es gar nicht. Denn auf der „Reservebank“ gab es niemand mehr, der hätte nachrücken können. Die Liste der Lan­des-CDU in Brandenburg war erschöpft. Und in einem solchen Fall bleibt der Platz im Bun­destag unbesetzt. (Vgl. § 48 Abs 1 Satz 4 BWahlG)

Sieben Abgeordnete müssen den Bundestag verlassen

Weil es für Katerina Reiche keinen Listennachfolger gab, bleibt der Wahlkreis vakant. Der Deutsche Bundestag ist also geschrumpft. Statt 631 gibt es seit dem 4.9.2015 nur mehr 630 Abgeordnete. Doch hat die Sache einen Haken. Wahlkreis Nr. 061 (Potsdam / Potsdam-Mit­telmark II /Teltow-Fläming) liegt – wie schon gesagt – in Brandenburg. Und in Brandenburg ist eines der vier Überhangmandate entstanden. Wenn dort ein Direktmandat wegfällt, dann fällt ein Viertel der insgesamt vier Überhangmandate weg. Und damit ist auch für ein Viertel aller Ausgleichsmandate der Rechtsgrund entfallen. Nach „Adam Riese“ muss deshalb auch die Zahl der Ausgleichsmandate um ein Viertel zurückgeführt werden. Man glaubt es kaum, aber es gibt tastsächlich sieben Abgeordnete, die den Bundestag schon längst hätten verlassen müssen. Doch der Bundestagspräsident denkt nicht daran, den Wahlleiter mit der Ermittlung der sieben Abgeordneten zu beauftragen, und diese dann nach Hause zu schicken.

Auf ein Wort Herr Präsident: Reden Sie, bitte, nicht von einer Deckelung der Ausgleichs­mandate, die 2013 in Ihrem Hause neu eingeführt worden sind und den Überhang um mehr als das Siebenfache übersteigen. Vor allem aber reden Sie, bitte, nicht von einer Deckelung der Ausgleichsmandate, solange sie sich weigern, dem gesunden Menschenverstand folgend wenigstens das geltende Recht umzusetzen und sieben Abgeordnete nach Hause zu schicken, die im Bundestag nichts verloren haben, weil mit dem Ausscheiden von Katerina Reiche der Rechtsgrund für den Ausgleich entfallen ist. – Im Bundestag sitzen deshalb zu viele Abgeordnete, weil Sie es dulden!

 

 

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Gemeinsame Bürgereingabe

an den Herrn Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Joachim Gauck, Schloss Bellevue, Spreeweg 1, 10557 Berlin;

eingebracht von Dr. Manfred C. Hettlage, Nibelungenstr. 22, 80639 München; gemeinsam mit dem BÜRGER-BLOCK e.V., Vorsitzender: Dr. Robert Mertel, Kindermannstr. 1, 80637 München (www.bürger-block.de/Aktuelles/ )

Der Bundespräsident möge beim Deutschen Bundestag darauf hinwirken, dass eine entsprechende Zahl von Ausgleichsmandaten storniert wird, nachdem durch das Ausscheiden von Katherina Reiche (CDU) am 4. September 2015 im Bundestag ein sog. „Überhangmandat“ weggefallen ist.

        Begründung:

Die Abgeordnete, Katherina Reiche (CDU), ist am 4. September 2015 aus dem Bundestag ausgeschieden. Ihr Wahlkreis Nr. 061 (Postdam / Potsdam-Mittelmark II / Teltow-Flä­ming II) liegt in Brandenburg. Dort gab es bekanntlich eines der insgesamt vier sog. „Überhangmandate“, die nach der Wahl durch 29 Ausgleichsmandate kompensiert wurden. (Vgl. dazu die aktuellen Mitteilungen des Bundeswahleiters v. 9.10.2013:  https://www.bundeswahlleiter.de/de/aktuelle_mitteilungen/downloads/20131009_Erl_Sitzzuteilung.pdf)

Aus der Landesliste der CDU konnte „mangels Masse“ aber kein Nachrücker aufgeboten werden, denn auf der „Reservebank“ saß niemand mehr, der hätte nachrücken können. Für diesen Fall hat der Gesetzgeber vorgesorgt. In § 48 Abs. 1 Satz 4 BWahlG wird angeordnet: „Ist die Liste erschöpft, so bleibt der Sitz unbesetzt.“ Statt 631 hat der Bundestag also nur noch 630 Mitglieder.

Das Direktmandat im Wahlkreis Nr. 061 ist unstreitig entfallen. Damit verändert sich aber auch das Verhältnis der Direktmandate zu den Listenplätzen bei der Landes-CDU in Brandenburg. Weil es dort keinen Überhang mehr gibt, muss auch der Ausgleich neu berechnet und entsprechend zurückgeschraubt werden.

Bei der Wahl v. 22.9.2013 sind vier „Überhänge“ durch 29 Ausgleichsmandate kompensiert worden. Daraus würde sich ergeben, dass sieben Abgeordnete mit Ausgleichsmandat den Bundestag wieder verlassen müssen, wenn einer der vier Überhänge entfällt. Da der Bundeswahlleiter festzustellen hat wer von welcher Partei ein Ausgleichsmandat bekleidet, obliegt ihm auch die Feststellung wer von welcher Partei davon wieder zurücktreten muss, wenn der Rechtsgrund für den Ausgleich entfallen ist.

Sowohl der Bundestagspräsident als auch der Bundeswahlleiter sind seit dem 4. September 2015 untätig geblieben. Es ist deshalb Sache der Bundespräsidenten, dagegen einzuschreiten und die notwendigen Schritte einzuleiten.

München, den 16.7.2016

gez. Dr. Manfred C. Hettlage        gez. Dr. Robert Mertel, BÜRGER-BLOCK e. V.

 

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Literatur zum Wahlrecht

Hettlage, Manfred C.: Kleine Beiträge

Drei Wahlen, aber kein Sieger – Die Landtagswahlen im März 2016 als Menetekel, Publicus – der Online-Spiegel für das Öffent­liche Recht, Ausg. 2016.6, (Vgl. http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_artikel&id=boorberg01.c.295303.de ).

Das Ungeheur von Loch Ness geht um – Fünf kapitale Fehler im dualen Wahlsystem mit Erst- und Zweitstimme, Publicus – der Online-Spiegel für das Öffentliche Recht, Ausg. 2016.4, (Vgl. http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_volltextsuche_detail&id=1543540&hl=hettlage ).

Bundestag unter dem Damoklesschwert, März 2016, ( www.bürger-block.de/Aktuelles/)

Ein „legislatorisches  Monster“ – Replik auf Hans Meyer, Die Öffentliche Verwaltung, DÖV 16/2015. S. 704.

Joker im Ärmel, Die Rolle der „Siegerprämie“ bei der Neuwahl in Griechenaland, Publicus – der Online-Spiegel für das Öffent­liche Recht, Ausg. 2015.10. (Vgl. http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_artikel&id=boorberg01.c.291321.de www.publicus-boorberg.de ).

Die Erststimmen gaben den Ausschlag, Nordrhein-Westfälische Verwaltungsblätter, 7/NWVBl 2015, S. 252.

Die personalisierte Verhältniswahl schafft sich ab, Die Öffentli­che Verwaltung, DÖV 4/2015. S. 329.

Am Tatort des Thüringer Landtags ratlos, Publicus – der Online-Spiegel für das Öffentlichr Recht, Ausg. 2014.10. (Vgl.  http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_artikel&id=boorberg01.c.278214.de ).

Mehrheitsprämie und Mandatsausgleich / Verfassungsrichter in Italien misten einen „Saustall“ aus, Publicus – der Online-Spiegel für das Öffentliche Recht, Ausg. 2014.6. (Vgl. http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_artikel&id=boorberg01.c.276311.de ).

Ausgleichsmandate sind „Extrawürste“ / Die große Ernüchte­rung nach der Bundestagswahl,  Publicus – der Online-Spiegel für das Öffentliche Recht, Ausg. 2013.10. (Vgl.  http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_volltextsuche_detail&id=988208&hl=hettlage ).

Aus dem Hut gezaubert /  Mehr Listenplätze, aber nicht mehr Zweitstimmen. Publicus – der Online-Spiegel für das Öffentliche Recht, Ausg. 2013.9. (Vgl.  http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_volltextsuche_detail&id=973313&hl=hettlage ).

Orakel der halben Wahrheit / Wahlforscher ignorieren bei der Sonntagsfrage die Doppelwahl mit Erst- und Zweitstimme. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, FAS v. 25.8.2013,  S. 9.

In Karlsruhe sehen wir uns wieder / Das neue Wahlrecht des Bundes kann vor dem Grundgesetz keinen Bestand haben. Die Öffentliche Verwaltung, DÖV 24/2012, v. 15.12.2012, S. 970.

Der Gesetzgeber auf dünnem Eis / Die Fraktionen des Bundes­tages haben sich auf ein Wahlrecht geeinigt. Die alten Probleme löst es jedoch nicht, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 2.12.2012.

Mehr Stücke als Kuchen: die Überhangmandate / Also ist das Parlament kleiner als die Summe seiner Mitglieder, Zeitschrift für Rechtspolitik, (ZRP  3/2012. S. 87 ff).

Zur Debatte: Direktwahl besser / Den Kairos verpasst, Bayern­kurier Jg. 62, Nr. 50, v. 17.12.2011. (Vgl.  https://www.google.de/?client=firefox-b#q=Bayernkurier%2FKairos+verpasst&gfe_rd=cr ).

Guttenbergs Platz bleibt leer, Berichte u. Interview mit der Bayerischen Rundschau v. 1.6.2011. (Vgl. http://www.infranken.de/regional/kulmbach/Guttenbergs-Platz-in-Berlin-bleibt-leer;art312,168080 ).

Wo kein Kläger, da kein Richter / Der Wahlkreis 240, Kulm­bach, kann nicht einfach gestrichen werden, Publicus – Der Online-Spiegel für das Öffentliche Recht, Ausg. 2011.6. (Vgl.  http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_artikel&id=boorberg01.c.143783.de ).

Eine Rechnung mit zwei Unbekannten/ Wahl und Wahlrecht in Baden-Württemberg, Publicus – Der Online-Spiegel für das Öf­fentliche Recht”, Ausg. 2011.3. (Vgl. http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_artikel&id=boorberg01.c.141465.de ).

Die Abgeordneten werden gewählt / Für die Ausgleichsmandate gibt es keine Stimmzettel, Publicus – Der Online-Spiegel für das Öffentliche Recht”, Ausg. 2011.2. (Vgl. http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_artikel&id=boorberg01.c.140884.de ).

Das Abgeordneten-Wahlrecht des Bundes ist nicht länger zu halten, Zeitschrift für Rechtspolitik, (ZRP) 1/2011, S. 1 ff.

Zwei Stimmen sind zwei Wahlen / Das Verfassungsgericht hat eine Reform des Wahlrechts gefordert. Die bringt Sprengstoff für die Regierungskoalition, Frankfurter Allgemeine Sonntags­zeitung (FAS) v. 19.12.2010.

Das Stimmensplitting muss weg! Publicus – Der Online-Spiegel für das Öffentliche Recht, Ausg. 2010.2. (Vgl. http://www.publicus-boorberg.de/sixcms/detail.php?template=pub_artikel&id=boorberg01.c.135030.de ).

Bleibt die große Reform des Abgeordneten-Wahlrechts ein Traum? Bayerische Verwaltungsblätter (BayVBl) 21/2010, S. 655 ff.

Wer die Wahl hat, hat die Qual, Bayerische Verwaltungsblätter (BayVBl) 2/2010, S. 33 ff.

 

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Ausgleichsmandate / Anpassung

Pressemitteilung = 1380 Anschläge): Zu viele Abgeordnete im Bundestag?

Im Deutschen Bundestag sitzen nicht mehr 631 sondern nur noch 630 Abgeordnete. Katherina Reiche (CDU), ist am 4. September 2015 aus dem Bundestag ausgeschieden. Ihr Wahlkreis Nr. 061 (Postdam / Potsdam-Mittelmark II / Teltow-Fläming II) liegt in Brandenburg. Aus der Landesliste der CDU konnte aber kein Nachrücker aufgeboten werden, denn auf der „Reservebank“ saß niemand mehr, der hätte nachrücken können. „Ist die Liste erschöpft, so bleibt der Sitz unbesetzt.“ (§ 48 Abs 1 Satz 4 BWahlG)

Damit verändert sich aber auch das Verhältnis der Direktmandate zu den Listenplätzen bei der Landes-CDU in Brandenburg. Weil der Wahlkreis 061 vakant bleibt, gibt es dort keinen Überhang mehr. Deshalb hätten auch die Ausgleichsmandate neu berechnet und entsprechend zurückgeschraubt werden müssen. Der Bundestagspräsident, Norbert Lammert, und der Bundeswahlleiter, Dieter Sarrheiter, haben das jedoch versäumt.

Sitzen also zu viele Abgeordnet im Bundestag? Bei der Wahl v. 22.9.2013 sind vier Über­hänge in vier Bundesländern durch 29 Ausgleichsmandate kompensiert worden. Daraus würde sich ergeben, dass sieben Abgeordnete mit Ausgleichsmandat aus verschiedenen Bundesländern und verschiedenen Parteien den Bundestag wieder verlassen müssen, wenn einer der vier Überhänge entfällt.

V.i.S.d.P. Manfred Hettlage, Nibelungenstr. 22, 80639 München

 

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NACHBESETZUNG VAKANTER WAHLKREISE

Der Amtsschimmel wiehert …

… wenn die Zweitstimme zur Erststimme gemacht wird

Überall auf der Welt findet in einem vakanten Wahlkreis eine Nachwahl statt, nur in Deutsch­land nicht. Der Amtsschimmel will es so. Ronald Profalla (CDU) hat den Wahlkreis 112 (Kleve) mit 48,5 Prozent der Erststimmen gewonnen, Annette Schavan (CDU) mit 52,1 Pro­zent im Wahlkreis 291, Ulm, noch etwas besser abgeschnitten – beides Wahlergebnisse nahe an der absoluten Mehrheit der Erststimmen oder sogar darüber. Seit Profalla zur Deutschen Bahn wechselte und Schavan Botschafterin im Vatikan werden wollte, gibt es in beiden Wahlkreisen keinen direkt gewählten Abgeordneten mehr. Denn nach § 48 BWahlG rückt ein Bewerber aus der Landesliste der Partei nach, der noch nicht zum Zuge gekommen ist. In­zwischen sind 19 Abgeordnete aus dem Bundestag ausgeschieden. Die meisten von ihnen waren mit der Erststimme in das Parlament eingezogen, also in einem der 299 Wahlkreise direkt gewählt worden und wurden dann durch einen Listenbewerber ersetzt. So kommt es, dass im Bundestag Anfang Juni 2016 nicht 299 sondern nur mehr 285 direkt gewählte Volks­vertreter Sitz und Stimme haben und der verbleibende Rest von 346 Abgeordneten allein über eine der Landeslisten in das Parlament eingezogen ist. Im Laufe einer Legislaturperiode tritt also bei den Direktmandaten ein gewisser Schwund ein, der mit § 1 Abs 2 BWahlG unver­einbar ist.

Die in § 48 BWahG geregelte Listennachfolge hat eine bewegte Geschichte. Das Bundes­verfassungsgericht hat nämlich mit Urteil vom 26.2.1998 (BVerfGE 97, 317) entschieden: Werden Wahlkreise einer Landespartei mit Überhangmandat vakant, dürfe kein Kandidat von der Reservebank der Landesliste nachrücken. Für den zu judizierenden Spezialfall fehle eine gesetzliche Regelung und solange sie fehle bleibe der Wahlkreis unbesetzt. Die Verfassungs­hüter deuteten damals an, die Zweitstimmen würden das nicht hergeben, die Liste daher gar nicht so weit ziehen. Richter sollen aber keine Andeutungen machen sondern entscheiden. Grund genug die richterliche Zurückhaltung aufzugeben und durch Urteil zu erzwingen, dass man aus den Zweitstimmen keine Erststimmen machen kann, so dass vakante Wahlkreise deshalb immer und in jedem Fall durch Nachwahl neu zu besetzen sind.

Nichts ist beständiger als das Provisorium

Zwei Stimmen sind zwei Wahlen. Wahlkreis-Bewerber werden mit den Erststimmen, Kandi­daten für die Landeslisten der Parteien mit den Zweitstimmen gewählt. Beides darf man nicht vermengen. Wer mit den Erststimmen in den Bundestag gelangt ist, kann grundsätzlich nicht durch jemand ersetzt werden, der mit der Zweitstimme gewählt wurde. Bei einer Doppelwahl mit Erst- und Zweitstimme kann es keinen Wechsel von der Mehrheitswahl in die Verhält­niswahl geben. Das wäre ein Bruch im dualen Wahlsystem mit zwei Stimmen. Diesen Bruch hat das Verfassungsgericht aber nicht grundsätzlich, sondern nur im Fall von Überhängen gerügt und damit für Verwirrung gesorgt.

Nach dem Urteil v. 26.9.1998 sind zehn Jahre ins Land gegangen. Passiert ist in dieser Zeit nichts. Doch als in Karlsruhe ein weiteres Verfahren anhängig war, nämlich die Entscheidung zum negativen Stimmengewicht (BVerfG vom 3.7.2008, BVerfGE 121, 266), wollte man sich nicht dabei erwischen lassen, dass man so lange müßig geblieben war. Also lief der um 10 Jahre gealterte Amtsschimmel erneut über die Bühne des Zeitgeschehens, und die vorüber­gehende Übergangsregelung des Verfassungsgerichts wurde gleichsam über Nacht zum dau­erhaften Gesetz erhoben: Solange es Überhangmandate gibt, kommt es deshalb nicht zu einer Nachbesetzung aus der Landesliste. Der Wahlkreis bleibt leer, der Überhang fällt weg. (Ab­schmelzungsregelung) – Nichts ist beständiger als ein Provisorium.

Dieser gesetzgeberische Schildbürgerstreich wird perfekt, wenn man weiß, dass es “Über­hangmandate” eigentlich nicht gibt. Es werden genau so viele Abgeordnete direkt gewählt wie Wahlkreise vorhanden sind, keiner mehr und keiner weniger. Es gibt 299 Wahlkreise und 299 direkt gewählt Abgeordnete unter den regulär 598 Mitgliedern des Bundestags. Es kann also keine unzulässige Überzahl an Direktmandaten geben. Niemand kann zu Recht behaup­ten, es seien mit den Erststimmen zu viele Direktkandidaten gewählt worden, denen ihr Mandat in Wahrheit gar nicht zusteht. Zwar fehlen im Fall der „Überhangmandate“ bei einer Landespartei die in der personalisierten Verhältniswahl dazugehörenden Listenplätze. Das trifft zu. Aber die fehlenden Listenplätze lösen sich nicht in Luft auf, sondern werden von anderen Parteien des Landes errungen, denen es nicht gelang, die entsprechenden Direkt­mandate zu erzielen. Bei Überhangmandaten werden demnach mehr Listenplätze an die Lan­desparteien verteilt als dem Land zustehen. – Aber das nur nebenbei.

Zurück zu der in § 48 BWahlG getroffenen Nachfolgeregelung. Leerstehende Wahlkreise, was für eine „Rechtsfigur“? Was fangen die Wähler schon mit einem leeren Wahlkreis an? Sie haben doch keinen Anspruch auf ein vakantes Wahlgebiet, sondern auf einen direkt ge­wählten Abgeordneten. Es kam daher, was kommen musste: Der Gesetzgeber „bugsierte“ den Amtsschimmel erneut über die Bühne des Geschehens und machte mit der Reform des Wahlrechts v. 13.5.2013 (BGBl I S. 2180) alles wieder rückgängig. Scheidet ein direkt ge­wählter Abgeordneter aus dem Bundestag aus, wird weiterhin nicht nachgewählt. Stattdessen wird der vakante Sitz nach § 48 BWahlG n.F. so wie früher – auch im Fall von Überhängen! – mit einem Bewerber aus der Landesliste der Partei nachbesetzt, für die der Ausgeschiedene angetreten ist. Es rückt also ohne jede Ausnahme wieder ein Listenbewerber von der Reser­vebank nach. Ob die in der Wahl entstandenen Zweitstimmen die zusätzlichen Listenplätze überhaupt hergeben, danach fragt niemand.

Der Ausgleich muss neu berechnet werden

Bei der Listennachfolge für ausgeschiedene Wahlkreis-Gewinner kommt es jedoch zu einer weiteren Überraschung. Wird ein Direktmandat bei einer Landespartei mit Überhang vakant, verkleinert das (von den Verfassungsrichtern verworfene, doch vom Gesetzgeber wieder ein­geführte) Nachrücker-Verfahren die „Überhänge“, und zwar durch Vermehrung der Listen­plätze: Ihre Zahl steigt, die Differenz zwischen Direktmandaten und Listenplätzen sinkt. Als Folge davon muss natürlich auch der Mandatsausgleich neu berechnet werden. Weniger Über­hänge – weniger Ausgleichsmandate. Katherina Reiche (CDU) ist am 4. September 2015 aus dem Bundestag ausgeschieden. Ihr Wahlkreis Nr. 061 (Postdam / Potsdam-Mittelmark II / Teltow-Fläming II) liegt in Brandenburg. Aus der Landesliste der CDU konnte „mangels Masse“ aber kein Nachrücker aufgeboten werden, denn auf der „Reservebank“ saß niemand mehr, der hätte nachrücken können. Für diesen Fall hat der Gesetzgeber vorgesorgt. In § 48 Abs 1 Satz 4 BWahlG wird angeordnet: „Ist die Liste erschöpft, so bleibt der Sitz unbesetzt.“ Statt 631 hat der Bundestag also nur noch 630 Mitglieder.

Aber selbst dann, wenn jemand hätte nachrücken können, weil aus der Landesliste noch ein Bewerber verfügbar gewesen wäre, der noch nicht zum Zuge kam, würde ja ein Direktmandat durch einen Listenplatz ausgetauscht und schon deshalb das in Brandenburg bei der CDU ent­standene Überhangmandat wegfallen. So oder so würde also die Zahl der Sitze im Bundestag auf insgesamt 630 zurückgehen. Wird der Überhang kleiner, muss natürlich auch der Aus­gleich anteilig rückgängig gemacht werden. Denn der Ausgleich von insgesamt 29 Sitzen überstieg den Überhang von 4 Mandaten, die im Saarland, in Thüringen, Sachsen-Anhalt und eben auch in Brandenburg entstanden sind, bekanntlich um mehr das Siebenfache. Fällt einer von diesen 4 Überhängen weg, hat das zur Folge, dass 7 Abgeordnete mit Ausgleichsmandat den Bundestag wieder verlassen müssen. – Aber daran denkt natürlich niemand.

Sitzen also zu viele Abgeordnete im Bundestag? Der Präsident des Bundestags ist verdutzt. Und der Bundeswahlleiter kratzt sich am Kopf. Doch der Wahlleiter ist unschuldig, denn er hat das neue Wahlgesetz ja nicht gemacht. Er stellt fest, wer von welcher Partei ein Aus­gleichsmandat erhält, also muss er auch feststellen, wer von welcher Partei sein Ausgleichs­mandat wieder „an den Nagel“ zu hängen hat. – Das tut der Wahlleiter aber nicht und wird vom Bundestagspräsident dazu auch gar nicht aufgefordert. Rechnet man nach, übersteigt der Ausgleich von 29 Listenplätzen den um ein Mandat verminderten Überhang jetzt um mehr als das Neunfache. Der Überhang sinkt, der Ausgleich steigt. Sinnwidriger geht es nicht.

Schützenkönig der Wahlrechtskritiker

Ausschlaggebend kommt aber noch etwas sehr Wichtiges hinzu: Die beiden Wahlprüfungs-Beschwerden (AktenZ. 2 BvC 64/14 und 2 BvC 67/14) stellen nämlich darauf ab, dass alle 29 Ausgleichsmandate das Wahlergebnis nachträglich abändern und ein solcher Eingriff in die Souveränität des Wahlvolkes grob verfassungswidrig ist. Nicht-gewählte Abgeordnete, die lediglich ein Ausgleichsmandat bekleiden, das nachgeschoben wurde nachdem die Wahl­lokale schon geschlossen waren, um den leidigen Überhang zu kompensieren, sie können nicht durch Abstimmung des Wahlvolkes legitimiert sein und haben im Bundetags nichts ver­loren. Deshalb müssen nicht nur sieben sondern alle 29 Träger von Ausgleichsmandaten den Bundestag verlassen.

Der bekannte Wahlrechts-Experte, Hans Meyer aus Berlin, trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er von einem „verwirrenden Zweistimmensystem“ spricht. (Vgl. DÖV 2015, 700 (202, Sp. 2). Hans Herbert von Arnim aus Speyer, auch er ist ein ausgewiesener Kenner der Ma­terie, schlägt in die gleiche Kerbe und bezeichnet die Abstimmung mit Erst- und Zweitstimme mehrfach als „aberwitziges Wahlsystem“. (Vgl. Volksparteien ohne Volk, 2. Aufl, 2009, Stn: 59, 103 u. 139.) Selbst der Bundestagspräsident, Norbert Lammert, MdB, kritisierte das Ver­fahren zur Wahl der Mitglieder des Deutschen Bundestages rundheraus als „abstrus“. (Vgl. „Welt am Sonntag“ v. 2.8.2015: „Der deutsche Volkskongress“.)

Damit schoss kein Geringerer als der Bundestagspräsident den Vogel ab, den der Bundestag mit seiner Hilfe großgezogen hat. So wurde er auch Präsident im Schützen­verein der Wahlrechtskritiker.

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Wahlrechts-Urteil des itVerfG v. 13.1.2014 / Übersetzung

Das Volk tut seinen Willen in Wahlen kund

Die  „sentenza no. 1“ v. 13.1.2014 der Corte costituzionale in Rom ist  im Internet zugänglich unter: www.cortecostituzionle.it. Das spektakuläre Urteil des itVerfG  zum Wahlrecht hat zu einer grundlegenden Reform des Wahlrechts in Italien geführt, die im Sommer 2015 unter der Bezeichnung „Italicum“ zum Gesetz erhoben wurde. Die Richter in Rom hatten die früheren Erfolgsprämien verworfen, die zuvor der stärksten Partei nachträglich über die Schwelle der absoluten Mehrheit der Mandate verhalf. Zugleich hatten sie die namentliche Auswahl der Kandidaten aus offenen Listen der Parteien verlangt, wie das bei Kommunalwahlen üblich ist. Für den Rechtsvergleich mit Deutschland hat das Urteil große Bedeutung, weil durch die ebenfalls nachgeschobenen Ausgleichsmandate auch hierzulande nachträglich in das Wahlergebnis eingegriffen und bei der Bundestagswahl wie zahlreichen Landtags­wahlen ebenfalls mit starren Listen gewählt wird. Weiterlesen

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Gemeinsame Denkschrift

Empfiehlt es sich, den Bun­destag nur mehr mit den Erst­stimmen zu wählen?

von Prof. Dr. Dr. Robert Hettlage; RA Prof. Hermann Mayer; Prof. Franceso Palermo, Mitglied des Senats in Rom; und Dr. Manfred C. Hettlage

(Stand: Mai 2016)

         Abstract:

Würde man den nächsten Bundestag allein mit der Erststimme wäh­len, würde das die politische „Landschaft“ vollständig verändern. Die Direktwahl kommt ohne Fünf-Prozent-Hürde aus, das begün­stigt die Minderheiten. Gewählt ist, wer die meisten Stimmen erhält. Koalitionen sind daher selten. Das stärkt die Regierung, bündelt aber auch die Opposition.

 

Durch die Einführung von Länderkontingenten bei den Mandaten wollte man im 19. Wahlrechts-Änderungsgesetz dem „negativen“ Stimmengewicht der Weg versperren. Durch Überhang- und vor allem auch durch Ausgleichsmandate werden jedoch die Länder­quoten gesprengt. Beides verschiebt den Proporz unter den Län­dern. Dadurch wird aber auch die Türe wieder geöffnet, die man zuvor verschlossen hatte, um das „negative“ Stimmengewicht aus­zusperren. Die Auflage des Verfassungsgerichts, diesen Effekt zu beseitigen, wurde also nicht erfüllt. Weiterlesen

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Bundeswahlgesetz – BWahlG

Erdrückende Mängelliste

Das geltende Wahlrechts-Änderungsgesetz ist das 22. seiner Art in nur 18 Bundestagswahlen. Es gibt also mehr Änderungen als Legislaturperioden. Die Wähler stimmen nicht mit einer, sondern mit zwei Stimmen ab. Man kann also beide Stimmen auch gegeneinander richten.

  1. Das BWahlG ist durchsetzt von zahlreichen Irrtümern und Widersprüchen auf engstem Raum. Das gilt insbesondere für den neu gefassten § 6 BWahlG, der im Schrifttum als „legis­latorisches Monster“ bezeichnet wird. (Vgl. Meyer. DÖV 2015, 700.)  Man denke nur an die aus der Luft gegriffenen Ergänzungsmandate nach § 6 Abs. 7 BWahlG und den abwegigen Zweitstimmen-Abzug nach § 6 Abs. 1 BWahlG. Zur missratenen Rechtstechnik trägt u.a. bei, dass die Ausnahmen der allgemeinen Regel oftmals vorangestellt werden und dass sich in den sieben Absätzen der Vorschrift 25 Verwei­sungen auf andere Gesetzesstellen befinden. Ein Rekord an Unübersichtlichkeit, den man kaum überbieten kann.
  1. Die Sperrklausel ist 2013 „außer Kontrolle“ geraten: Bei der Bundestagswahl sind 15,7 % der Zweitstimmen an der Sperrklausel gescheitet. Das hat es in dieser Größenordnung noch nie gegeben. http://www.bpb.de/politik/wahlen/bundestagswahlen/175680/die-fuenfprozenthuerde (dort Tabelle 3). In Mandaten gerechnet sind davon 93 der 598 Plätze in Bundestag betroffen. Mehr als jeder sechste Abgeordnete sitzt also auf einem Platz, den die Wähler einer anderen Partei zukommen lassen wollten.
  1. „Eine bloße Parteienwahl schließt die Verfassung aus.“ (Vgl. BVerfG v. 26.2.1998, BVerfGE 97, 317 (323)) https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1998/02/cs19980226_2bvc002896.html Gleichwohl gelangt mindestens die Hälfte der Parlamentarier nach wie vor allein über die Landeslisten der Parteien in den Deutschen Bundestag, aus denen die Wähler keine personelle Auwahl treffen können.
  1. Die 2013 neu eingeführten Landeskontingente wurden nicht eingehalten. https://www.bundeswahlleiter.de/de/aktuelle_mitteilungen/downloads/20131009_Erl_Sitzzuteilung.pdf Dem Saarland stehen z.B. 7 Abgeordnete zu. Tatsächlich sitzen aber 9 Saarländer im Bundestag. Der Freistaat Bayern darf 92 Abgeordnete in das Berliner Parlament wählen. Tatsächlich sind dort aber nur 91 Bayern anzutreffen, weil dem Land ein negatives Ausgleichsmandat angelastet wurde.
  1. Das negative Stimmengewicht trat 2013 deutlicher in Erscheinung als je zuvor. Bei der Wahl sind 4 sog. Überhängen in vier Bundesländern entstanden, alle bei einer Landespartei der CDU. Diese wurden 2013 erstmalig auch im Bund ausgeglichen, aber nicht durch 4, son­dern durch 29 Ausgleichsmandate. Davon gingen 13 an die CDU, 10 an die SPD, 4 an die Linken und 2 an die Grünen. Damit wurde die CDU als alleinige Verursacherpartei der Über­hänge zugleich auch zum größten Ausgleichsprofiteur und das verletzt das zweimalige Verbot negativer Stimmengewichte in: BVerfG v. 3.7.2008 (BVerfGE 121, 266) https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2008/07/cs20080703_2bvc000107.html und BVerfG v. 25.7.20012 (BVerfGE 131, 316)  https://www.bundesverfassungsgericht.de/SiteGlobals/Forms/Suche/Entscheidungensuche_Formular.html?gts=5403124_list%253Ddate_dt%252Basc&gtp=5403124_list%253D19&facettedYear=2012&language_=de .
  1. Obwohl die gespaltene Abstimmung ungesetzlich ist, gehört das Stimmensplitting „contra legem“ zum üblichen Erscheinungsbild jeder Bundestagswahl, ausgenommen die erste im Jahre 1949. Gemäß § 1 BWahlG ist die Abstimmung „nach den Grundsätzen einer mit der Personenwahl verbundenen Verhältniswahl“ durchzuführen. Das schließt die unverbundene, die gespaltene Abstimmung, also das sog. Stimmensplitting „de lege lata“ aus. – Doch nie­mand kümmert sich darum.
  1. Durch die 2013 auch im Bund neu eingeführten Ausgleichsmandate wird das Wahlergeb­nis verfälscht. Sie sind deshalb grob verfassungswidrig. Grundsätzlich muss über alle Manda­te abgestimmt werden, auch über die 29 Ausgleichsmandate, die 2013 entstanden sind. Werden zusätzliche Mandate nachge­schoben, muss auch die Abstimmung darüber nachgeschoben werden. Eine solche Nachwahl hat es aber nicht gegeben.
  1. Ungefähr die Hälfte der gewöhnlich anzutreffenden Wähler kann schon den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme nicht hinreichend durchschauen, um von Überhang- und Ausgleichsmandaten oder negativen Stimmengewichten gar nicht zu sprechen. (H. Gothe, Infratest dimap, April 2013: http: //www.infratest-dimap.de/fileadmin/_migrated/content_up­loads/1303_Kennt­nisErstZweitstimme_01.pdf) Dem geltenden Wahlrecht fehlt daher die unerlässliche Normenklarheit und Verständlichkeit, die das BVerfG in seiner Entscheidung v. 3.7.2008, BVerfGE 121, 266 (316) verlangt hat. https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2008/07/cs20080703_2bvc000107.html
  1. Wahlen sind in ihrem Kern „Personenauswahl-Entscheidungen“. Vgl. Strelen/Schreiber, BWahlG, 2013, Einf., Rdnr 4. Parteien können selbst und als solche nicht Mitglied des Bun­destags und der Landtage werden, also auch nicht zum Gegenstand der Wahl gemacht wer­den. Daher steht die Personenwahl dem Grundgesetz viel näher als die Parteienwahl. Eine bloße Parteienwahl schließt das ohnhin schon aus. (Siehe oben Ziff 3.)

Würde man von der personalisierten Verhältniswahl mit Erst- und Zweitstimme ablassen und zur klassischen Personenwahl mit nur einer Stimme wechseln, wäre der ganze Spuk auf einen Schlag verschwunden: keine Überhänge, keine negativen Stimmengewichte, kein Mandatsausgleich, keine vakanten Wahlkreise, keine nachträglichen Eingriffe in das Wahlergebnis weder durch Ergänzungsmandate (nach § 6 Abs. 7 BWahlG) noch durch Zweitstimmen-Abzug (nach § 6 Abs. 1 BWahlG) oder durch Sperrklauseln etc. etc.

Die Personenwahl in überschaubaren Wahlkreisen folgt dem klassischen Prinzip: „one man one vote“. Dieses Verfahren ist leicht verständlich. Es führt nur selten zu Koalitionen, in denen kleine oder kleinste Parteien über eine undemokratische Sperrminorität verfügen. Vor allem aber kommt das System ohne Sperr­klausel aus, worin kleine Parteien nur dann einen Vorteil erkennen, wenn sie daran gescheitert sind.

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DUALES WAHLSYSTEM MIT ERST- UND ZWEITSTIMME

Was das Gesetz verbunden hat …

Dem Wahlgesetzgeber steht es frei, sich unter den gegebenen Wahlsystemen für das zu ent­scheiden, das im Parlament die erforderliche Mehrheit findet. Er kann also jederzeit zur klas­sischen Direktwahl in überschaubaren Wahlkreisen überwechseln, wenn die Mehrheit im Deutschen Bundestag das will. Anders als in der Weimarer Republik wird das Parlament durch die Verfassung daran nicht gehindert. Nun hat sich der Gesetzgeber 1949 nicht für ein Wahlsystem entschieden, sondern für zwei: die mit der Personenwahl verbundene und zu ver­bindende Verhältniswahl. (Personalisierte Verhältniswahl) Dabei ist es bis heute geblieben. Und was das Gesetz verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen.

Diese Doppelwahl mit Erst- und Zweitstimme hat eine auffällige Besonderheit: Das aktive und das passive Wahlrecht sind nicht deckungsgleich. Im Parlament sitzen derzeit 631 Abge­ordnete. Regulär gibt es aber nur 598 Plätze. Es gibt also 33 irreguläre Abgeordnete. Schlimmer noch ist das gesamte Wahlgebiet nur in 299 Wahlkreise eingeteilt. Selbst wenn die Wähler alle Abgeordneten mit beiden Stimmen wählen, was die Splittingwähler ja nicht tun, könnten sie damit nicht erreichen, dass sie auch mit beiden Stimmen gewählt werden. Höchstens 299 Abgeordnete ziehen über beide Stim­men, die Erst- und die Zweitstimme, in den Bundestag ein, mindestens 299 aber allein über eine Stimme, nämlich die Zweitstimme. Parteilose Einzelbewerber können ohnhin nur mit der Erst­stimme gewählt werden. Und Abgeordnete mit nachgeschobenem Ausgleichsmandat werden gar nicht vom Wahlvolk gewählt sondern nachträglich ernannt, um das Wahlergebnis „auszugleichen“, wie das in Ländern üblich ist, in denen die Demokratie nur eine Theaterkulisse ist. – Von einer Wahl unter gleichen Bedingungen kann also überhaupt keine Rede sein!

Ein „mixtum compositum“

Zwei Stimmen sind zwei Wahlen. Das typisch deutsche Wahlsystem ist also ein „mixtum compositium“, eine Mixtur, eine Mischung, … – um das Wort „Mischmasch“ zu vermeiden. Bundeslisten gibt es nicht mehr. Sie wurden abgeschafft. Die Staatsbürger können also nicht alle, sondern nur einen Teil der Abgeordneten mit beiden Stimmen wählen, selbst das müssen sie nicht. (Aktives Doppelwahlrecht mit Limit und fakultativem Stimmensplitting) Und sie können sich für beide Wahlen um ein Mandat bewerben. (Passives Doppelwahlrecht mit Limit und fakultativer Doppelkandidatur). Etwa die Hälfte der ge­wöhnlich anzutreffenden Wähler verliert vor allem bei der gespaltenen Abstimmung den Überblick und kann die Fernwirkungen seiner doppelten Wahlentscheidung mit allen hochkomplizierten Details z.B. der negativen Stimmengewichte nicht mehr hinrei­chend durchschauen. Ob jemand für das gleiche Mandat zweimal kandidiert hat, im Wahlkreis und auf der Landesliste, das können die Wähler auf den Stimmzetteln gar nicht erkennen.

Für den Teil der Abgeordneten, der davon profitiert, ist die Doppelkandidatur natürlich ein „Geschenk des Himmels“. Wenn er im Wahlkreis verliert, hat sie eine zweite Chance und zieht auf einem abgesicherten Platz der Landesliste in das Parlament ein. Diejenigen Wahlkreis-Bewerber, die keiner Partei angehören, haben dagegen nur eine Chance. Wenn sie im Wahl­kreis verlieren ist das endgültig. Hinzu kommen diejenigen, die von vorne herein nicht in einem Wahlkreis kandidieren konnten, weil es davon gar nicht genug gibt: die bloßen Listen­bewerber. Als Bewerber zweiter Klasse müssen sie es hinnehmen, dass sie von den siegreichen Wahlkreis-Bewerbern erster Klasse auf die hinteren Plätze der Liste verwiesen werden und vielleicht gar nicht in den Buncdestag einziehen. Denn die Direktwahl in den Wahlkreisen hat den Vorrang. Wer im Wahlkreis gewinnt, sitzt so oder so im Bundestag, auch dann wenn ein Überhang an Direktmandaten entstehen sollte. Die Erststimme ist also wichtiger als die Zweitstimme. Sie kann bei der Wahl sogar den Ausschlag geben. Die personalisierte Verhältniswahl ist von ihrem Grundcharakter her also keine bloße Verhältniswahl. Denn sie wird im Zweifel von der Direktwahl überformt.

One man one vote

Das Ganze gleicht dem „gordischen Knoten“ mehr als einer sinnvollen Abstimmung nach den Spielregeln der Demokratie … – Wer mit zwei Stimmen wählt, holt sich den Teufel ins Haus. Nicht umsonst lautet das klassische Prinzip der Volkswahlen: „one man one vote“!

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