Der Fluch des billigen Geldes

Von der Banken- zur Staatskrise, und von der Staats- zur Notenbankkrise:

Europa ist zu einer „Notverordnungs-Demokratie“ verkommen. Der Kommentator der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, hat mit dieser Bezeichnung ins Schwarze getroffen. (1) Bei jeder der zahlreichen Rettungsaktionen entsteht neues Recht. Die mit „heißer Nadel“ genähten Abmachungen relativieren im raschen Wechsel die Geschäftsgrundlage des Euro: die Verträge von Maastricht. Von Anfang an wurden sie von niemandem Ernst genommen. – Und Sanktionen mit europäischem Bundeszwang sind dem Völkerrecht ohnehin fremd.

Die politischen Rituale bei den Rettungseinsätzen in Europa gleichen dem Pokerspiel in den Tarifrunden: Die Staats- und Regierungschefs bzw. ihre Finanzminister treffen sich zu hochdramatischen Nacht- und Nebelaktionen. In den Morgenstunden – wenn sie vor Übermüdung Euro und Dollar nicht mehr auseinander halten können, wie einst Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy – verkünden sie, man habe einen Kompromiss gefunden, der von allen getragen werde und schon deshalb „alternativlos“ sei.

Durch die ständig von einander abweichenden Einigungen-auf-dem-kleinsten-gemeinsamen-Nenner verkommt die gemeinsame Finanzverfassung Europas: die fünf Stabilitätskriterien der Maastrichtverträge, zur Verhandlungssache. Jedes Mal fällt eine andere, von Willkür geprägte Ad-hoc-Entscheidung.

 1. Pokern statt arbeiten?

Geld darf nicht locker sitzen. Es muss knapp und teuer sein, um sich der allgemeinen Wertschätzung zu erfreuen. Die bloße Geldwirtschaft für sich allein genommen macht keinen Sinn. Die sog. „Finanzindustrie“ ist keine Industrie. Und die sog. „Finanzprodukte“ sind auch keine Produkte. Auch hat das sog. „investment banking“ viel mit Spekulation, aber nichts mit seriöser Investition zu tun. Kein Volk kann allein davon leben, dass die Bevölkerung sich gegenseitig Geld leiht. Finanzplätze wie London, in denen es nur noch um das Geld geht, gleichen dem Turm von Babylon. Trotz ihrer schwindelerregende Höhe lässt sich die Spirale der Geldgeschäfte nicht von der Bodenhaftung in der Realwirtschaft „befreien“. Wachstum hat naturgegebene Grenzen. (2) Die bloßen Finanztransaktionen, wie sie in der Londoner City betrieben werden, um so mehr. Kein Volk kann pokern, statt zu arbeiten.

Wie die Maße und Gewichte ist auch die amtliche Währung als solche wertneutral. Geld ist eine Maßeinheit im Austausch von Waren und Dienstleistungen. Es ist ein Zahlungsmittel mit Annahmezwang. Und es ist ein Wertaufbewarungsmittel wie „Sparschwein“ oder Girokonto. Pecunia non olet – Geld stinkt nicht. Ja es ist gar kein Rechtsträger und daher auch nicht schuldfähig. Der Euro ist deshalb weder „Teuro“, (3)  noch „Tatort“. Er trägt keine Schuld an der Krise in Europa. (4) Seine Abschaffung würde an der unübersehbaren Misere kein Jota ändern.

Zieht man den berühmten „Geldschleier“ weg, kommen dahinter ganz andere Verursacher der Krise zum Vorschein: Wer trägt denn die Schuld am Verfall des Rechts vor allem im Bankensektor? Heerscharen unbeaufsichtigter Schattenbanken! Fraudulöse Schneeball-Verbriefungen im Wertpapiergeschäft von gigantischen Ausmaßen! Wer trägt die Schuld am parlamentarischen Populismus bei der Aufstellung der Haushalte? Wer an der „beggar-my-neigbour-policy“ in den sog. Olivenländern Europas? Der persische Imperator Xerxes ließ das Meer auspeitschen, als er die Seeschlacht von Salamis verloren hatte. Weil niemand die Stabiliätskriterien im Vertrag von Maastricht ernst genommen hat und europaweit die Staatsschulden sich dem BIP nähern oder es sogar übersteigen, wollen nun die Euro-Gegner die Geldscheine und Münzen auspeitschen.

2. Als „heilige Kuh“ verehrt: die Banken

Am Anfangen stand eine weltweite Deregulierungs-Orgie vor allem auf den Finanzmärkten. Massiv vorangetrieben wurde sie von Ronald Reagan, dem Namensgeber der „Reagonomics“, (5) aber auch von Margaret Thatcher, die durch Friedrich August v. Hayek stark beeinflusst war. Pate stand der übertriebene Freiheitsgedanke des Neoliberalismus, den Milton Friedmann und seine „Chicago-Boys“ unter dem Machthaber Pinochet in Chile ausprobierten. (6) In Deutschland wurde der Finanzmarkt ebenfalls als „heilige Kuh“ verehrt. Gab es doch vier Finanzmarkt-Förderungsgesetze: 1990, 1994, 1998 und 2004. (7)

Schlechtes Recht verdrängt das Gute. Bill Clinton war es, der 1999 den Glass-Steagall-Act abgeschafft hat. Die strikte Trennung der konventionellen Einlagen- und Kreditgeschäfte (commercial banking) vom riskanten Börsengeschäft und dem Handel mit Wertpapieren (investment banking) wurde nach der Weltwirtschaftskrise von 1931 eingeführt. Das Gesetz sollte verhindern, dass die Banken auf eigene Rechnung Kundeneinlagen aufs Spiel setzen können. Paul Volcker ist es 2011 schließlich gelungen, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren und das Trennbankensystem wenigstens anfangsweise wieder einzuführen. (8) Fünf Jahre nach der Krise von 2008 hat Deutschland die Volcker-Rule endlich auch zum Gesetz erhoben. Man wollte aber nur dem Oppositionsführer, Peer Steinbrück, im Wahlkampf den Wind aus den Segeln zu nehmen, der das vehement forderte. (9)

Gewiss, ein Schritt in die richtige Richtung, doch andere müssen folgen. Geld ist kein Spielgeld und Banken sind keine Spielbanken. Spiele und Wetten haben in Geldinstituten nichts verloren. (10) Vom Glücksspiel geprägte „Geldgeschäfte“ gehören in die Spielcasinos und die Wettbüros, die eine staatliche Lizenz für die Ausübung ihres Gewerbes benötigen. Geldinstitute haben diese Lizenzen nicht. Darüber sollte man schon de lege lata nachdenken, bevor man über neue Verbotstafeln diskutiert. Doch wer traut sich zu, den Sumpf der aleatorischen Geldgeschäfte in den Kreditinstituten auf dem Rechtsweg trocken zu legen? – Und wo kein Kläger, da kein Richter.

Das Konkursrecht für Banken ist ein weiteres Stichwort. Das Geldwesen ist keine Privatsache, sondern eine öffentliche Angelegenheit. Für die Währung besteht Annahmezwang. Banken sind daher zumindest halbstaatliche Gebilde. Sie unterstehen besonderen Gesetzen, einer strengen Bankenaufsicht und müssen sich den Eingriffen der Notenbanken in die Finanzmärkte beugen, die ihnen durch die Leitzinsen ganz gewaltig die Preise verderben können. Banken sind daher immer „to big to fail“. Auch kleine Banken darf man nicht einfach untergehen lassen.

Alle Banken, ob groß ob klein, sind so gesehen einem speziellen Konkursrecht zu unterwerfen: Die systemkonforme Abwicklung von Geldinstituten hat grundsätzlich durch die Notenbank zu erfolgen – und zwar unter ungeschmälertem Anlegerschutz und unter vollem Gläubigerschutz. (11) Doch davon ist man noch weit entfernt. Einige der Banken werden gerettet, andere gehen unter. Und wer mehr als 100.000 Euro eingelegt hat, verliert dabei neuerdings sein Geld … weil er es nicht auf zwei Banken verteilt hat? Das verstehe, wer es vermag.

„Ferro ignisque“ – mit Feuer und Schwert – ist insbesondere die Konzernbildung zu bekämpfen. Wie von einer riesigen Welle wird das Gesellschaftsrecht vom dem sich überstürzenden Konzernrecht überrollt. Zur Haftungsbeschränkung tritt die „Haftungsgliederung“, die keinerlei Berechtigung hat. Ohne Konzerne gäbe es kein „outsourcing“, keine ausgelagerten „Zweckgesellschaften“, keine sonstigen Umgehungstatbestände des off-shore-banking etc. Seiner Rechtsnatur nach ist die Konzernbildung ein „Missbrauch der Gestaltungsformen des Bürgerlichen Rechts“. (12) So wird das Firmenrecht vernebelt und die Haftung verschleiert. Niemand weiß doch, wem er gegenüber steht, wenn er ein Auto bei einem rechtlich so amorphen Gebilde wie der „BMW-Group“ kauft. Der Erwerb eigener Aktien (13) oder wechselseitiger Beteiligungen (14) gehört ohnehin in die Pathologie des Aktienrechts. (15) Doch dieses Thema kann hier nur als  Merkposten verzeichnet werden.

 3. Der Haushalt muss ausgeglichen sein

Große Dinge sind einfach, so schon Konrad Adenauer. Die Ausgaben des Staates sind – zeitgleich!  – durch Steuern und Beiträge zu finanzieren. Der Staatshaushalt muss ausgeglichen sein. So simpel schaut die Lösung aus. Doch ist das Leben etwas komplizierter. Deshalb gibt es keine Regeln ohne Ausnahmen. Und wie man weiß, versteckt sich der Teufel nicht in den Grundsätzen, sondern in den Details. Schon Adam Smith hat Staatsanleihen ausnahmsweise akzeptiert, wenn sie der Finanzierung von Investitionen dienen. Die klassische Nationalökonomie hat also eine Ausnahme von der Regel zugelassen, dass Staatsausgaben durch Steuern und Abgaben gedeckt sein müssen.

Die Staatsschulden dürfen die investiven Ausgaben aber niemals überschreiten. Dies ohne Wenn, ohne Aber und ohne irgendwelche Übergangsfristen – Punkt! Das muss zur unabdingbaren Geschäftsgrundlage der 17 Euro-Staaten gemacht werden, will und soll sie eine Stabilitätsgemeinschaft sein. Miegliedstaaten, die nicht mitmachen wollen, haben kein Stimmrecht in EU und insbesondere EZB. Vor allem erhalten sie keine Mittel aus der gemeinsamen Kasse der EU. Mit anderen Worten muss Art. 115 GG wieder auf den alten Stand von 1949 gebracht und „ohne Skonto“ unter allen Mitgliedern der EU durchgesetzt werden.

Trotzdem ist es notwendig, den Tatbestand der Staatsüberschuldung in der europäischen Finanzverfassung rechtlich zu fixieren wie folgt: Wenn Zins und Tilgung mehr als drei Jahre in Folge stärker wachsen als die Steuereinnahmen, muss die Regierung beim Staatspräsidenten die drohende Überschuldung anzeigen. Im Einvernehmen mit dem Rechnungshof verhängt der Präsident dann eine Haushaltssperre. Die Kennziffer aus Steuereinnahmen und Beiträgen geteilt durch die Last von Zinsen und Tilgung muss also größer als 1 sein. Ist sie es nicht, dürfen im Parlament keine neuen Ausgaben mehr beschlossen werden. Das gilt insbesondere auch für die Diäten der Parlamentarier. Rechtsmittel ist sowohl die Organklage vor dem Verfassungsgericht des Landes als auch Staatsklage der übrigen Beitrittsländer vor dem dem EUGH. Eine „bail-out-Klausel“ braucht man dann nicht mehr. Wenn ein Staat einem anderen unbedingt bilateral „aus der Patsche“ helfen will – und dafür die erforderlichen Mehrheiten vorhanden sind – warum soll man ihn daran hindern?

Der Gesetzgeber muss klug sein, aber auch mundfaul. Der Verfassungsgeber zweimal. Und noch etwas: Gesetze müssen beständig sein, Verfassungen zweimal. Die europäische Finanzverfassung darf kein Verfallsdatum tragen. Likurg hat deshalb den Athenern die Zusage abgerungen, an dem Gesetzeswerk, das er ihnen auferlegt hat, solange keine Änderungen vorzunehmen, solange er auf Reisen sei. Dann hat er sich eingeschifft und ist als Tourist an die Westküste der heutigen Türkei gesegelt.

 4. Das Geld ist da …

…  aber „die Pferde saufen nicht“. Ein Diktum aus dem Englischen, auf das Wirtschaftsprofessor Karl Schiller schon 1967 zurückgriff. (16) Das wirtschaftliche Wachstum erreicht in Europa auch heute nicht die Dimensionen, um von selbst  und ohne Sparmaßnahmen aus der Staatsverschuldung „herauszuwachsen“. Die Schuldenstände sinken nicht. Sie bleiben gleich oder steigen sogar. Wie zuvor die USA ist auch Europa vom Regen in die Traufe geraten: Die Bankenkrise wurde zur Staatskrise, und die Staatskrise wurde zur Notenbankkrise!

Inzwischen weiß es auch die Boulevard-Presse: Geld gibt es fast umsonst. (17) Die Zinsen wurden marginalisiert. Und das geht voll zu Lasten der Sparer! (18) Wie Nikolaus Piper, Amerika-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, berichtet, erwirbt die amerikanische Federal Reserve Bank, FED, monatlich 45 Milliarden Dollar an Schuldentiteln direkt aus dem Haushalt der USA. (19) Weitere 45 Milliarden an Schuldenübenahmen aus den parafiskalischen Nebenhaushalten kommen monatlich hinzu. Die EZB, die Bank of England und Japans Notenbank verfolgen den gleichen Kurs.

Was aber tun, wenn die EZB ihre Statuten beugt und auf dem Rücken der Sparer im Euroraum die Staatsverschuldung zum Nulltarif einführt? Wenn für überschuldete Haushalte keine Überziehungszinsen mehr gezahlt werden müssen? Man muss das Abstimmungsverhalten bei den Entscheidungen der EZB unter die Lupe nehmen. Die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft e.V. (asm) hat das getan und ähnlich dem Vertrag von Lissabon ein doppeltes Stimmrecht für die EZB vorgeschlagen. Auf ihrer Jahresversammlung-2012 in Tübingen hat sie einstimmig die nachfolgende Resolution angenommen: „1.) Die Bundesregierung wird aufgefordert, darauf hinzuwirken, dass ein Viertel der Mitglieder des EZB-Rates grundsätzlich nicht überstimmt werden kann. Gleiches gilt für Mitglieder, die mehr als ein Drittel der Anteile am Kapital der EZB eingebracht haben. 2.) Die Bundesregierung wird weiter aufgefordert, dafür einzutreten, dass die Stimmrechte von Euro-Ländern ruhen, die Mittel aus dem Europäischen Stabilitäts-Mechanismus ESM erhalten. 3.) Die Einführung eines Rotationsverfahrens bei der Besetzung des EZB-Rates lehnt die asm ab.“ (21) – Das gemeinsame Geld, den Gebrauch des Euro, braucht man niemandem zu entziehen. Vom bloßen Umlauf des Euros in Mitgliedsländern der Währungsgemeinschaft geht keine Gefahr aus.

Easy-money-policy hat im Mietrecht einen abschreckenden Vorläufer. So wie die Mieter gegenüber den Vermietern politisch regelmäßig bevorzugt werden, so werden von der Notenbank die Schuldner gegenüber den Gläubigern nicht nur mit einem gewaltigen Zinsvorteil überschüttet. Wie der Wohnungsmarkt in den Ballungsgebieten trocknet folgerichtig auch der Markt für Spareinlagen aus. Sparen und Investieren geraten in ein ökonomisches Ungleichgewicht. Die EZB hat ihre gesetzliche Aufgabe als Währungshüterin mit der Rolle der „Hausbank“ in der EU vertauscht. Ihr Ziel ist es, den 17 Euro-Staaten möglichst billig Geld zu verschaffen. Das führt zu einer systematische Konkursverschleppung bei denen, die sich zu dem Aberglauben verleiten lassen, man könne seine alten Schulden los werden, wenn man neue macht. Schon John Maynard Keynes war klar: Das funktioniert nicht, wenn man keinen Gläubiger mehr findet, der zahlt.  Um nach 1918 die deutschen Staatsschulden abzubauen, verlangte Keynes von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs folgerichtig, auf die Reparationszahlungen der Besiegten ganz zu verzichten. (20)

Keynes selbst war alles andere als ein Keynesianer: Wenn weltweit oder nur in Europa Schulden auf eine Gemeinschaft umgelegt werden sollen, darf das nicht die Notenbank durch „easy money“, sprich Geldentwertung oder Sparer-Enteignung machen. Dafür muss ein gemeinsamer Währungsfonds also ein Umlagesystem geschaffen werden. Auch das war Keynes vollkommen klar. Nicht umsonst gilt er als Mitbegründer des Internationalen Währungsfonds (IMF), der 1944 in Bretton Woods genau dafür aus der Taufe gehoben wurde. Auch hat Keynes – richtig verstanden! – nicht sagen wollen, man müsse in der Not einfach nur Schulden machen. Er meinte vielmehr, man müsse in der Not nach dem Vorbild des „new deal“ von Theodor Roosevelt die öffentlichen Investitionen hochfahren und zur Not auf Pump „Pyramiden bauen“. Wenn einem nichts Besseres einfalle, sei das immer noch besser, als gar nichts zu tun oder sogar die öffentlichen Aufträge herunter zu fahren.

Kurzum, in Griechenland muss man die Arbeitslosen Jugendlichen dienstverpflichten, um Bäumen in den abgeholzten Gegenden zu pflanzen, um die Seehäfen auszubauen, um die Eisenbahn zu modernisieren, etc. etc.. Und wer dann noch arbeitslos ist, muss eine in den Unternehmen Griechenlands zwangsweise eingeführte Lehre im dualen Ausbildungssystem absolvieren, wenn er diese nicht nachweisen kann – und zwar ohne die Einrede der Zumutbarkeit. „Wer mit Tränen sät, wird mit Jubel ernten“, sagt der Psalmist.

 5. Der Tatvorwurf gegen Mario Draghi

Zuletzt eine ketzerische Frage: Wozu brauchen man überhaupt eine europäische Notenbank? Geht es nicht auch ohne? In der Schweiz ist die Zentralbank noch heute in privatem Besitz. Die Bank of England ist die älteste Notenbank der Welt. Die „old lady“ in der Throat Needle Street entstand anno 1695. Davor gab es Vergleichbares nicht. „Schlechtes Geld verdrängt das gute“ von ganz alleine. (22) Eine unabhängige Notenbank, die ihre Statuten beugt, braucht man dazu nicht.

Das billige Geld ist ein schwerer Fluch. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Durch die Niedrigzins-Politik der führenden Notenbanken werden die Sparer in gigantischem Ausmaß depraviert. Die Schuldner – vor allem also die Banken und natürlich der Staat – teilen sich die Beute, die ihnen in den Schoß fällt. Aber auch die private Altersvorsorge gerät in die Klemme. Die Versicherungen sind unter den Schuldnern zu finden. Als institutionelle Großanleger müssen sie die ihnen anvertrauten Einzahlungen auf die Altersvorsorge verantwortungsvoll und sicher anlegen. Und das können sie nicht. Mündelsichere Staatsanleihen gehören der Vergangenheit an. – So etwas gibt es gar nicht mehr!

Die Rechts- und Wirtschaftsbeziehung zwischen Gläubiger und Schuldner wurde mit Vorsatz und System aus der Balance gebracht. Das ist der Kern der globalen Niedrigzins-Politik. Bei gleichbleibender Geldentwertung zahlen die Sparer die Zeche der Banken- und Finanzkrise. Alan Greenspan, der legendäre Notenbank-Chef in den USA, hat diese unverantwortliche Form der Staatsfinanzierung-durch-die-Hintertüre der Notenbank erfunden. EZB-Chef Mario Draghi und andere setzen die Konkursverschleppung-mit-Mitteln-der-Geldpolitik in weit radikalerem Zuschnitt fort. Das ist der Tatvorwurf, mit dem man nicht den Euro, sondern Mario Draghi konfrontieren muss.

Diesmal ist es anders, es ist nicht der Inflation. Es trifft nicht die Verbraucher. Nein, es sind die gegen Null tendierenden Zinsen. Diesmal trifft es die Sparer: „Der Ehrliche ist immer der Dumme.“ So Ulrich Wickert. Und dass dies so bleibt, dafür sorgt die Europäische Zentralbank mit Mario Draghi an der Spitze. Er hat als oberster Währungshüter versagt und muss zurücktreten. – Doch wer hängt der Katz die Schelle um?

       ANMERKUNGEN

(1) Vgl. SüddZ v. 28.4.2013.

(2) Vgl. „Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“, 1972.

(3)  Bei 4 Prozent Inflation verlor man früher 4 Pfennig auf die Mark, umgerechnet also rund  2 Cent auf den Euro. Die Inflationsrate von „nur“ 2 Prozent seit dem Wechsel zum Euro hat sich daher umgerechnet nicht etwa halbiert, sondern ist gleich geblieben. Der Euro ist nicht stabiler als die D-Mark es war, wie der frühere EZB-Chef  Jean-Claude Trichet – unwidersprochen – in fast allen seinen Reden zu suggerieren versuchte.

(4) Vgl. die sehr lesenswerte Untersuchung von Starbatty mit dem leider sehr missverständlichen Titel: „Der Euro als Tatort“, 2013.

(5) Hier handelt es sich um ein sog. Kofferwort aus dem Eigennamen „Reagan“ und „oeconomics“. Zum Inhalt des Koffers vgl. Wikipedia unter: „reaganomics“.

(6) Darunter wird eine Gruppe chilenischer Wissenschaftler verstanden, die unter dem Einfluss von Milton Friedman und James Buchanan in der Zeit zwischen 1956 und 1970 in Chicago ihr Studium absolviert haben.

(7) Das 4. Finanzmarkt-Förderungsgesetz v. 21.2.2001 (BGBl I S. 2010) erwies sich als besonders fatal, weil es im Bereich der Finanzmärkte die Rechtsunwirksamkeit von Spiel und Wette zu Fall brachte. Vgl. Hettlage, Kreditwesen, 2010, 564 ff, (566): „Das aleatorische Risiko …“

(8) Zu Paul Volcker und zur Volcker-Rule vgl. Piper, Cicero, 8/2012, S. 74 ff: „Die Geduld des Fischers“.

(9) Vgl. den gemeinsamen Antrag von SPD und Grünen zur Neuregelung der Finanzmärkte, BT-DruckS 17/11878.

(10) Vgl. dazu Hettlage Kreditwesen,  2009, S. 887 ff „Kreditinstitute sind keine Spielbanken“.

(11) Vgl. Hettlage, Kreditwesen, 2011, S. 1062 ff (1063): „Vom Spielgeld zum Schwundgeld …“.

(12) Vgl. § 10 der steuerlichen Abgabenordnung.

(13) Besonders kritisch dazu bereits Ritter, Aktiengesetz, 2. Aufl. 1939, § 52 und § 65 AktG (1937).

(14) Von Anfang an kompromisslos ablehnend Hettlage, Die schweizerische Aktiengesellschaft (SAG), Jg. 39 (1967), S. 33, ff: „Die Begründung von wechselseitigen Beteiligungen auf dem Wege der gegenseitigen Aktienübernahme nach dem schweizerischen Obligationenrecht; ders., ebenda, Jg. 43 (1971), S. 15 ff: „Die wechselseitigen Beteiligungen in der Neugestaltung des schweizerischen Aktienrechts“.

(15) So schon sehr früh Aellig, SAG, Jg. 20 (1948), 210 ff: „Aus der Pathologie des Aktiengesellschaft: Gesellschaft ohne Substanz“.

(16) Sprichwort aus dem Englischen: „Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber saufen müssen sie selbst.“

(17) Vgl. Abendzeitung v. 24.5.2013: „Zinsen so günstig wie noch nie“.

(18) Vgl. Bild v. 14.5.2013: „Sorge um unser Geld“.

(19)  Vgl. Piper, SüddZ v. 15.5. 2013: „An der Wählscheibe“.

(20) Vgl. Keynes, „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags“ (von Versailles), 1920 (deutsch 1921)).

(21) Im vollen Wortlaut mit Begründung abgedruclt in: Tagesordnung der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft für die Mitgliederversammlung v. 18.12.20012 in Tübingen, S. 6.

(22) „Bad money drives good money out of circulation.“ Diese Erkenntnis geht auf den englischen Geschäftsmann und Politiker Thomas Gresham (1519 -1579) zurück.

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